Warum wir in die Heimat zurückziehen wollen

Zurück in die Heimat ziehen

Patricia: Erstens kommt es anders zweitens als man denkt. Neues Jahr, neue Pläne. In der vorletzten Podcastfolge von Muddiklatsch habe ich noch Valentina erklärt, warum ich nicht in die Heimat zurückziehen möchte. Und bis vor etwa zwei Wochen war für uns klar, dass wir hier in Brandenburg bleiben. Doch die letzten Wochen haben dafür gesorgt, dass aus der Redensart “Man sollte nie nie sagen” für uns Realität wurde. Wir haben beschlossen zurück in die Heimat zu ziehen. Als wir das auf Instagram in den Stories erzählt haben, kamen viele Fragen dazu, weshalb wir uns entschieden haben, einen Blogartikel darüber zu schreiben und eure Fragen dazu hier zu beantworten. Außerdem ist ein neuer Blogartikel in der Kategorie “Zuhause” längst überfällig. Here we go.

Wo ist eigentlich unsere Heimat?

Stefan: Patricia kommt ja ursprünglich aus Zerbst (süd-östliches Sachsen-Anhalt) und ich aus dem Fast-Norden, der Altmark, natürlich auch in Sachsen-Anhalt. Noch einmal zur Erklärung für die, die es immer verwechseln: nicht Sachsen, sondern Sachsen-Anhalt, das ist ein anderes Bundesland und wir sprechen nicht sächsisch 😉 . Patricia kam dann mit 11 Jahren nach Stendal (wir hatten dann 6 Jahre nichts miteinander zu tun) und so trafen wir uns dann irgendwann dort.

Die Altmark ist eine Region mit sehr hohem Bevölkerungsrückgang, das war schon damals so, als wir noch Kinder waren. Alle wollten in die größeren Städte, da es arbeitstechnisch nicht unbedingt rosig um die Altmark stand und immer noch steht. Die Dörfer starben immer mehr aus, da ja irgendwie niemand mehr ländlich leben wollte und der Altersdurchschnitt doch sehr hoch ist. Wer Natur und Felder liebt, mit Wäldern zwischendurch, der ist hier absolut richtig. Alles ist noch ein wenig ruhiger und auch nicht unbedingt schnell 😀 .

Warum wir eigentlich nicht in die Heimat zurückkehren wollten

Patricia: Als wir 2007 von Stendal zum Studium nach Rostock gezogen sind, war für uns klar, dass wir nicht wieder in die Heimat zurückkehren werden. Der Grund dafür ist einfach – wir wollten beide in Bereichen arbeiten, in denen wir in der Altmark keine großen Sprünge hätten machen können. Doch das war nicht der einzige Grund. Ich habe an meine (Jugend)Zeit, die nunmal dort stattfand, mehr negative als positive Erinnerungen. Und diese Zeit wollte ich gern einfach hinter mir lassen. Dazu kommt, dass in einer Kleinstadt fast jeder jeden kennt oder zumindest zu kennen denkt und man einen gewissen Stempel aufgedrückt bekommen hat. Ich weiß auch, dass einige Leute dort denken, dass wir, seit wir bloggen, uns für etwas Besseres halten. Oder auch unabhängig vom Blog. 😀 Und zuletzt ist es einfach so, dass wir uns hier in der Region sehr wohlfühlen. Wir mögen Potsdam, haben meine Mama hier und gute Freunde und Brandenburg mit all seinen Seen und der Havel ist auch ein Träumchen.

Stefan: Ich hatte ja schon erwähnt, dass alles ein wenig ruhiger ist und nicht gerade viel “passiert” oder sich wandelt. Und das war damals, als ich noch in Stendal lebte, nichts für mich. Denn ich bin/war laut, schnell, hektisch – bei mir musste immer etwas passieren. Wie in bestimmt allen Kleinstädten kennt jeder jeden und man hat schnell seinen Ruf weg. Egal, was man macht, egal wie man sich verändert hat. Das hat mich früher schon sehr gestört. Daher bestand für mich früher nie die Option zurückzugehen.

Warum wir jetzt doch zurückziehen

Patricia: Im August haben wir mit der Haussuche hier um Potsdam herum begonnen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen waren wir im Dezember plötzlich unserem Traum ganz nahe. Doch kurz vor der Zielgeraden platzte das Ganze. Wir mussten leider feststellen, dass die Kombination aus den überteuerten Immobilienpreisen und unserer Selbstständigkeit katastrophal ist und wir leider, wenn überhaupt, nur eine Finanzierung bekommen würden, die uns viele schlaflose Nächte bereiten würde. So groß unser Traum auch ist – die Rate, die wir gezahlt hätten, wäre so hoch gewesen, dass wir nur noch für das Haus gearbeitet hätten. Und dabei war das Haus noch relativ bezahlbar im Vergleich mit anderen Objekten hier in der Region.

Stefan: Uns wurde klar, dass es auch mit anderen Häusern in der Region nichts wird, denn unsere Situation hat sich ja massiv geändert. Mit zwei Kindern und Hund will ich nicht in der Spirale des “Ablieferns” gefangen sein. Es müsste zu jeder Zeit immer viel Geld reinkommen und zum Verständnis, wir reden hier nicht von ein paar Hundertern sondern Tausendern. Das nimmt uns beruflich jegliche Freiheit. Denn wir beide haben uns ja für die Selbständigkeit entschieden, um unsere Ideen zu verwirklichen, auch einmal was Neues probieren zu können und zu testen, ob sich das beruflich bewährt. Und das hätten wir hier mit einem Hauskauf hier nicht mehr machen können (von den Mieten ganz zu schweigen). Ich persönlich hasse es, wenn das, was geboten wird, meiner Meinung nach nicht dem entspricht, was es kostet. Egal, wie viel Geld ich im Leben haben werde, salopp gesagt, eine Hose wird für mich immer eine Hose bleiben, egal was da draufsteht.  Und da kam ich auf die Idee online mal zu vergleichen, was denn Immobilien in unserer Heimat kosten und ich war schockiert. Die Preise stehen definitiv mehr im Verhältnis zum Angebot als hier. Also haben wir uns hingesetzt und alle Pro- und Contrapunkte aufgenommen und dann stand fest, wir werden in die Heimat zurückkehren 😉

Und unsere Jobs?

Patricia: Als wir 2007 die Altmark verließen, ahnten wir nicht, dass wir einmal Jobs haben werden, in denen wir größtenteils ortsunabhängig arbeiten können. Meinen Freelancer Job als Social Media Managerin für BIKINI BERLIN mache ich eh zum größten Teil von zu Hause aus. Alle zwei Monate fahre ich für wenige Stunden nach Berlin zum Fotografieren, den Rest mache ich vom Home Office aus. The Kaisers läuft natürlich auch von zu Hause aus und falls ich wieder Hochzeiten und Familien fotografieren möchte (gerade pausiere ich, da es mit Baby ein zu großer organisatorischer Aufwand ist), gibt es beides auch in der Heimat. Und dort ist der Markt auch noch nicht so abgegrast wie hier. Die weiteren beruflichen Projekte, die ich für nach der Elternzeit plane, sind auch welche, die ortsunabhängig sind.

Stefan: Ich denke, jeder hat die letzten zwei Jahre anders erlebt. Für mich als Personal Trainer gab es ein Beschäftigungsverbot im ersten Lockdown von fast drei Monaten. Das war natürlich nicht so schön und auch die weiteren Lockdowns waren für den Gesundheitsbereich sehr unübersichtlich (Wer darf jetzt eigentlich noch arbeiten und wie?), was die Maßnahmen anging, sodass ich meinem Kundenstamm treu geblieben bin, aber keine neuen Kunden mehr annehmen konnte und wollte.

Zum Glück war ich auch schon vor Corona immer mal wieder als Berater im Personalwesen tätig. Denn bevor ich mich vor fünf Jahren selbständig gemacht habe, war ich im HR Bereich angestellt. Hier helfe ich durch meine vorherige Erfahrung als Personaler jungen Unternehmen ordentliche Prozesse für ihre Mitarbeiter aufzubauen. Und das ist in den letzten zwei Jahren dann immer intensiver geworden, sodass ich die meiste Zeit abseits der Personal Trainings zum Beispiel damit beschäftigt bin, neue Mitarbeiter für meine Kunden zu finden oder einen ordentlichen Prozess für Mitarbeitergespräche zu erstellen. Nichts davon passiert vor Ort, sondern alles online. Daher bin ich komplett ortsunabhängig und kann meine Projekte von überall machen.

Vorteile, die die Heimat uns bietet

Patricia: Jahrelang war es für uns ausgeschlossen zurückzukehren. Deshalb haben wir uns gar nicht großartig damit beschäftigt, welche Vorteile die Heimat uns bieten könnte. Der größte Vorteil ist natürlich der, dass Grundstücke und Immobilien im Gegensatz zu der Region hier noch bezahlbar(er) sind. Auch in Sachsen-Anhalt steigen die Preise, kosten aber dennoch ungefähr die Hälfte im Vergleich zur Region um Potsdam herum. Doch das ist nicht das einzige Argument für die Heimat.

Ein großer Vorteil ist definitiv noch, dass wir dort sehr gut vernetzt sind, was wir gerade schon bei der Haussuche merken. Dazu kommt, dass die Menschen in der Region sich größtenteils sehr darüber freuen, dass junge Menschen zurückkehren. Es entstehen neue Lebenskonzepte auf den Dörfern, das bekommen wir immer mehr mit. Und auch bei der Kinderbetreuung ist es natürlich sehr hilfreich Familie vor Ort zu haben.

Als wir den Gedanken hatten zurückzukehren, haben wir auch überlegt, was uns in unserem Alltag wichtig ist und haben geschaut, wie die Möglichkeiten in der Heimat sind. Wir lieben zum Beispiel unseren Biolieferservice aus Brandenburg oder unseren Unverpacktladen in Potsdam. Umso erstaunter waren wir, als wir feststellten, dass es beides auch in der Altmark gibt. Der Biolieferservice hat dort sogar noch eine größere Auswahl als hier. Und auch alternative Schulkonzepte, mit denen wir liebäugeln, gibt es in der Altmark.

Stefan: Was in den letzten Jahren irgendwie mehr und mehr auf der Strecke geblieben ist, ist Zeit mit meinen alten Freunden zu verbringen. Da ich auch nicht um die Ecke wohne, muss ich immer gleich 1-2 Tage einplanen, wenn wir uns mal treffen. Das ist mit den ganzen beruflichen Projekten nicht immer zu vereinbaren gewesen (mir machen meine Arbeit und meine ganzen Projekte auch so unfassbar viel Spaß 🙂 ) und seitdem unsere beiden kleinen Monster hier sind, war das natürlich noch weniger möglich. Daher freue ich mich, dann bald einfach mal für 2-3 Stunden was zusammen zu machen und dann wieder ab nach Hause zu düsen oder zusammen mit allen und den Kindern Zeit zu verbringen (einige haben ja auch schon Kinder).

Nicht zu vergessen: Wir kennen ja auch viele Leute in der Heimat, die sich schon angeboten haben, uns bei der Renovierung zu helfen. Hier in Brandenburg/Potsdam sieht das eher mau aus. Außerdem habe ich ja auch noch einige Familienmitglieder in der Nähe, die wertvolle Kontakte zu Bauunternehmen haben oder selber Handwerker sind oder waren. Das erleichtert mir dann um einiges die Arbeit.

Auch beruflich denke ich, dass das eine tolle neue Chance sein kann. Die Altmark ist einfach sehr schön und müsste nur einmal weiter gefördert werden und da freue ich mich dann mit The Kaisers meinen oder unseren Beitrag zu leisten.

Auch was die Infrastruktur raus aus Stendal und Umgebung angeht, macht es einfach Sinn für uns. In ca. einer Stunde ist man mit dem Zug am Berliner Hauptbahnhof, das heißt zu Bloggerevents oder Flughäfen wären wir genauso lang unterwegs wie jetzt von Potsdam aus.

Und welche Bedenken haben wir?

Patricia: Natürlich hat man auch Bedenken. Wie wird es sein, meine Mama nicht mehr zweimal wöchentlich zu sehen? Werden wir es schaffen unsere Freunde aus Potsdam und der Umgebung noch regelmäßig zu sehen und den Kontakt halten? Wird Marlena sich in der neuen Kita genauso wohlfühlen wie in der jetzigen? Werden wir das gastronomische Angebot Potsdams vermissen? Wie kommen wir mit dem konservativen Denken einiger Einheimischer zurecht? Werden wir unsere Hausgemeinschaft hier sehr vermissen? Wie wird es sein vom Auto abhängig zu sein?

Stefan: Ich bin nicht eigentlich nicht der Typ für Bedenken. Habe ich für mich Pro und Contra abgewogen, gibt es für mich nur den Blick nach vorn (manchmal leider auch mit dem Kopf durch die Wand). Doch natürlich kann das alles verändern. Wie findet sich Marlena zurecht, zur Zeit sieht sie ja Patricias Mama 2x die Woche, wie wird sie das dann verkraften? Auch ich werde hier sehr viele Leute vermissen. Aber wir sind ja auch nicht aus der Welt.

Warum wir es aber auf jeden Fall machen wollen

Patricia: Auch wenn es Bedenken gibt, ist die Vorfreude viel größer. Wir haben sooo sehr Lust auf das Projekt Haus, auf das Leben auf dem Land. Ich freue mich darauf neue Kontakte zu knüpfen oder alte wieder aufzunehmen. Während ich das hier schreibe, höre ich das Rauschen der Autos und ein Rettungswagen fährt vorbei. Ich freue mich so sehr auf die Ruhe. Ich freue mich auf Hunderunden, auf denen ich nicht durchschnittlich 50 Menschen begegne. Ich kann es kaum erwarten, nach 5 Jahren Potsdam, in denen wir uns hier sehr wohlgefühlt haben, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Nach 11 Umzügen vorerst, für hoffentlich mindestens das nächste Jahrzehnt, das letzte Mal die Kisten zu packen. Ich bin sowas von bereit.

Stefan: Also für mich ist das Ding durch. Ich lebe von Euphorie und zehre langer davon an schlechten Tagen. Und so euphorisch war ich schon lange nicht mehr. Ich merke auch wie euphorisch unsere Leute vor Ort sind. Jeder fragt, wie es aussieht oder schickt uns Häuser, die er online gesehen hat oder wo er etwas im Buschfunk gehört hat. Ich freue mich einfach, mehr Zeit mit allen zu verbringen. Feste in deren oder unseren Gärten zu feiern, etc.

Außerdem liebe ich die Natur und die Ruhe zum Grübeln und Denken (die auch hier in Potsdamer Umgebung so beeindruckend ist), doch wenn ich hier in Potsdam vor die Tür gehe, falle ich fast hintenüber. Ich schreie innerlich nach Ruhe und wenn meine 4,5 jährige Tochter sagt: “Papa, das ist immer so laut hier”, dann weiß ich, es ist die richtige Entscheidung für uns alle.

Kommentare

  • Lena

    Ein toller Beitrag, der zeigt, was möglich ist, wenn man nur offen genug denkt. Da ihr das Privileg habt, von überall aus zu arbeiten, fällt die Entscheidung leichter, denn oft geht es schon deshalb nicht. Ich freue mich, dass ihr uns ein bisschen teilhaben lasst an eurem Abenteuer! 🙂

    • The Kaisers (author)

      Ja, das stimmt definitiv. Der Arbeitsplatz bzw. die Arbeit gibt oft vor, wo man leben muss. Ich bin wirklich froh, dass wir da mittlerweile flexibel sind.

  • Bianca

    Ein toller Beitrag. Als ich wegen des Studiums aus Stendal weg nach Potsdam gezogen bin, wollte ich auch nicht mehr zurückkommen. Ich liebte das Stadtleben zu sehr. Dennoch bin ich nach dem Studium der Liebe wegen zurück in die Heimat gegangen. Und heute bin ich froh, dass meine Kinder in meiner Heimatstadt aufwachsen dürfen. In Stendal hat sich so viel getan, gerade für Familien, und die Altmark ist wunderschön.
    Viele Grüße
    Bianca

    • The Kaisers (author)

      Liebe Bianca,
      ach wie schön! Das macht Mut! Wir haben ja die Nase voll vom Stadtleben, deshalb wird es uns hoffentlich nicht schwer fallen. 🙂 Und ich bin sehr gespannt darauf Stendal wiederzuentdecken.
      LG, Patricia

  • Heimatvogel

    Ich verfolge euch schon seit einiger Zeit. Ich bin ebenfalls aus Stendal und bin auch sehr froh gewesen, die Stadt zum Studieren zu verlassen und lebe inzwischen seit vielen Jahren nicht mehr dort. Mich haben ähnliche Beweggründe wie auch euch von einer Rückkehr abgehalten. Ich bin zwar sporadisch immer mal in Stendal, aber dann auch froh wieder zu fahren. Die Thematik Hauskauf treibt aber auch uns um und ich kann eure Entscheidung total verstehen. Ich bin jetzt schon gespannt zu lesen, wie es weitergeht. Für mich wäre es nach wie vor nichts zurückzugehen, aber ich drücke euch die Daumen. Ich glaube, Menschen wie ihr, tragen dazu bei Stendal bunter, optimistischer und weltoffener zu machen. Lasst euch nicht abbringen und bleibt wie ihr seid!

    • The Kaisers (author)

      Ich kann dich sehr gut verstehen. Du bist ich vor ein paar Wochen, hahaha. Und so liebe Worte, danke! Es wäre natürlich toll, wenn wir dazu beitragen könnten Stendal und Umgebung schöner zu machen. <3

  • Alex

    Wie aufregend! Ich melde mich dann mal freiwillig für „alte Kontakte wieder aufnehmen“. Zwar wohne ich nicht in Stendal, bin aber regelmäßig da und Magdeburg ist ja vielleicht auch mal eine Abwechslung 😉
    Liebe Grüße,
    Alex (die damals mit 11 Jahren aus der Schule und so 😜)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.