Ich habe einen Migrationshintergrund

Ich bin jetzt 30 Jahre und 7 Monate alt, doch erst heute habe ich erfahren, dass ich einen Migrationshintergrund habe. Versteht mich nicht falsch, man hat mir weder mitgeteilt, dass ich adoptiert bin, noch dass ich andere Eltern habe, als ursprünglich angenommen. Ich habe einfach nur den Artikel meiner Freundin Ramona auf ZEIT ONLINE gelesen. In diesem erklärt sie, dass man offiziell einen Migrationshintergrund hat, wenn mindestens ein Elternteil nicht von Geburt an die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Und genau das trifft auf mich zu, genauso wie auf Ramona. Mein Vater ist gebürtiger Ukrainer.

Ich selbst bin in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt geboren und aufgewachsen, war selbst zuletzt mit einem Jahr in der Ukraine und verfüge natürlich über keine Erinnerungen an diese Reise in meine vermeintlich zweite Heimat. Und obwohl meine ukrainischen Wurzeln Teil von mir sind, ich fließend Russisch spreche und sehr gern Pelmeni esse, fühle ich mich komplett als Deutsche. Das haben Ramona und ich gemeinsam. Doch es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen uns beiden: Ramona sieht man ihre „anderen Wurzeln“ auf Anhieb an, mir nicht. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man vielleicht, dass meine Augen ein wenig mandelförmig sind (angeblich gibt es da auch noch mongolische Vorfahren) und ab und zu wurde mir auch schon gesagt, dass ich ein wenig russisch aussehe. Doch um ehrlich zu sein, wurde Stefan öfter als mir das russische Aussehen angedichtet, obwohl der liebe Herr Kaiser per Definition keinen Migrationshintergrund hat. Und genau das bestätigt mir, dass das Aussehen überhaupt nichts darüber aussagt, wer wir sind.

Die meisten Menschen, die ich kenne, haben irgendeine Art von Migrationshintergrund. Stefans Uromas sind mit dem Bollerwagen aus dem heutigen Polen und Tschechien geflüchtet. Hat Stefans Mutter dann auch einen Migrationshintergrund oder zählt das nicht, weil diese Teile Polens und Tschechiens damals noch deutsch waren? Und ist Stefans Opa, dessen Familie schon immer in demselben Dorf gelebt hat, jetzt deutscher als Stefans Oma? Was ist das überhaupt, deutsch? Ist Ramona, die in der (wiedervereinigten) BRD geboren wurde, deutscher als ich, weil ich in der DDR geboren wurde? Und falls ja, was genau hat sie davon? Was hat Stefans Opa davon? Wo soll denn überhaupt allgemein ein Unterschied sein zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund?

Mir war bis vorhin nicht bewusst, dass ich einen offiziellen Migrationshintergrund habe. Wahrscheinlich eben deshalb, weil meine Mutter Deutsche ist und ich eben auch nicht stark vom „arischen“ Aussehen abweiche. Doch was ist mit denjenigen, denen man es gleich auf den ersten Blick ansieht? Ich selbst bin vor Jahren schon in ein Fettnäpfchen getreten. Ich lernte mit 16 ein Mädchen kennen, das ich wunderschön fand. Sie hatte dunklere Haut und ich war mir sicher, dass sie indische Wurzeln hat. Es war ernst gemeintes Interesse, als ich sie nach ihren Eltern fragte. Sie reagierte nicht empfindlich oder abweisend, aber ich merkte, dass sie die Frage nicht mochte. Sie antwortete mir, dass ihre Eltern deutsch und sie auch nicht adoptiert sei. Ich bohrte natürlich nicht weiter nach und für mich war das Thema damit auch abgeschlossen. Ich bin seitdem vorsichtiger damit, nach irgendwelchen „Wurzeln“ zu fragen. Falls mich aber jemand fragt, wie es ist, zweisprachig aufgewachsen zu sein oder eben einen Migrationshintergrund zu haben, stehe ich gern Rede und Antwort. Ich mag es nämlich, ein Mix zu sein.