Buchtipp – David Nicholls: Zwei an einem Tag

Es ist der 15. Juli 1988 an dem sich die beiden Absolventen Emma und Dexter bei ihrer Abschlussfeier kennenlernen und in Emmas Bett landen. Sie, die Streberin, die ihr gutes Aussehen und ihr Selbstbewusstsein hinter einer dicken Hornbrille und Büchern versteckt und er, der Verantwortungsneurotiker mit reichen Eltern, der von einer festen Beziehung so weit entfernt ist, wie der Mond von der Erde. Obwohl die Nacht für beide mit einer Enttäuschung endet, für ihn ohne Sex und für sie mit einer Blamage, entwickelt sich zwischen ihnen eine so enge Freundschaft, wie sie nur zwischen Mann und Frau und Emma und Dexter möglich ist.

„Literaturverfilmungen haben nur eine Chance, wenn der Zuschauer das Buch nicht kennt.“ Mit diesem Satz eröffnete der Dozent des Seminars Literaturverfilmung mein 2. Semester. Ich nickte ihm innerlich zu, denn bisher gab es noch nicht eine Literaturverfilmung in meinem Leben, bei der ich den Film besser fand als das Buch. Die zwei wesentlichsten Gründe hierfür liegen eigentlich auf der Hand: 1. Ein 500-Seiten Roman lässt sich nur sehr schwer in einen 120-minütigen Film packen, deshalb müssen viele Szenen und Details ausgespart werden; 2. Jeder Leser erschafft sich sein eigenes Buchuniversum, hat bestimmte Vorstellungen von den Handlungsorten- und Figuren und dem kann kein Film gerecht werden. Doch was passiert, wenn man den Weg andersherum geht – zuerst den Film guckt und dann das Buch liest?

Der Film war eine Enttäuschung, obwohl ich keine Erwartungen an ihn hatte. Er war irgendwie ein wenig zäh, konnte mich einfach nicht fesseln und so verschwendete ich danach eigentlich keine Gedanken mehr an ihn. In der Woche darauf wimmelte es jedoch auf den Blogs, die ich lese, nur so von Filmkritiken, die alle einer Meinung waren: Wieder eine schlechte Literaturverfilmung. „Huch,“, dachte ich, „der Film basiert auf einer Romanvorlage? Und dazu noch auf einer ziemlich guten? Verdammt!“ Natürlich bekam ich genau diese Romanvorlage dann zu Weihnachten geschenkt. Also beschloss ich, Zwei an einem Tag eine Chance zu geben.

Bereits nach wenigen Seiten wurde mir klar: Ich hätte zuerst das Buch lesen müssen. Denn die ganze Zeit hatte ich die Schauspieler und Szenen des Filmes im Hinterkopf, verglich heimlich die Handlungen und all das lenkte mich vom Buch ab. Doch im Gegensatz zum Film schaffte das Buch es, mich zu fesseln. Natürlich nicht durch atemberaubende Spannung – es ist schließlich kein Thriller – sondern durch die Stimmung und die Figuren. Jedes Kapitel behandelt den 15. Juli eines Jahres, jeweils aus Emmas und aus Dexters Sicht, eine aus meiner Sicht absolut geniale Idee des Autors, auf die ich gern selbst gekommen wäre. Somit bekommt der Leser jedes Jahr einen kleinen Einblick in die Leben der Figuren und nimmt deren Veränderungen sehr viel deutlicher wahr, in etwa so wie bei einem Kind, das man lange nicht mehr gesehen hat. Das Buch ist keines dieser leicht vor sich hinplänkelnden Liebesromane, denn die Geschichten der Figuren haben viel mit Gesellschaftskritik zu tun. Wenn man Pech (oder auch Glück) hat, bekommt man einen Spiegel vorgehalten und fängt an, über sein eigenes Leben nachzudenken und sich darüber bewusst zu werden, dass man es nutzen muss.

FAZIT: Zwei an einem Tag ist ein Roman mit hervorragenden Figuren und einer leicht melancholischen Grundstimmung, die einen wirklich dort berührt, wo es sein sollte: Am Herzen.