Marlenas Geburt – Teil 1: Das große Warten

Geburtsbericht

Bild: Manuela Clemens

Freitag, der 07.07.

Patricia: Nichtsahnend fahren wir zu meiner Frauenärztin nach Berlin. Bis zum errechneten Entbindungstermin sind es noch über zwei Wochen und auch wenn mein Bauch mittlerweile riesig ist und ich immer wieder Übungswehen habe, hab ich nicht das Gefühl, dass es bald losgeht. Doch als mich die Frauenärztin untersucht, ändert sich plötzlich alles. Ihre Prognose: „Ich glaube nicht, dass die Kleine es noch bis zum errechneten Entbindungstermin aushält. Wir sehen uns nicht mehr vor der Geburt.“ Der Grund für ihre Annahme: Marlena ist laut ihrer Schätzung bereits circa 3600 Gramm schwer, auf dem CTG kann sie deutliche Kontraktionen erkennen und mein Muttermund ist bereits 2 cm geöffnet.

Eine halbe Stunde später sitzen wir in einem Bäcker am Zoologischen Garten und essen auf den Schreck erstmal was. Theoretisch weiß man ja, dass es immer jeden Moment losgehen kann. Aber nun fühlt es sich wirklich real an. Wir machen erstmal einen Schlachtplan, was es noch zu erledigen gibt und ordnen die Prioritäten. Alles, was mit Arbeit zu tun hat, rückt plötzlich in weite Ferne und wir konzentrieren uns ganz auf die bevorstehende Geburt. Und wir sind verdammt aufgeregt, vor allem Stefan. Er ist so hibbelig, dass es geradezu süß ist.

Stefan: Da sitzt Patricia nun auf dem Stuhl bei der Frauenärztin und ich stehe daneben und schaue wie jedes Mal auf den Ultraschall. Wir beide, Patricia und ich, denken und hoffen ja, dass Marlena schon ein paar Tage früher kommt, da besonders ich ja hoffe, dass sie wie ich ein Krebs wird. 😉 Und der 17. 07. 2017 wäre ja auch ein cooles Datum. Aber selbst bis dahin sind es ja noch 10 Tage. Und dann sagt die Frauenärztin: „Oh, der Muttermund ist ja schon offen, mmh… na bis zum 22.7. hält der Pupser es da drin nicht aus.“ „Hat sie das jetzt wirklich gesagt?“, denke ich. Und in meinem Kopf fängt es an zu rattern. Der Muttermund ist offen, das heißt, es könnte heute oder morgen oder wann auch immer losgehen. Und egal wie viel ich mich vorher versucht habe darauf vorzubereiten, hundertprozentig kann ich immer noch nicht glauben, dass ich Vater werde. Und so fühlt es sich jetzt noch ein wenig realer an als noch vor 30 Minuten.

Samstag, der 08.07.

Stefan: Wir sitzen beim Essen und irgendwie ist mein Panikfass jetzt übergelaufen. Jede nächste Sekunde kann es sein, dass ich für 3 Leute und einen Hund fast alleine sorgen muss, das ging mir jetzt alles zu schnell. Was ist da nur los? Ich konnte mich doch Monate darauf vorbereiten! Aber leider ist gerade die Angst vor dem Ungewissen, der Unsicherheit, größer. Da ist sie wieder, die typische Existenzangst eines Selbständigen. Ich kann einfach nicht mehr, die Euphorie von gestern ist auf den harten Boden der Realität geknallt. Wie eine Achterbahn, die vorher Richtung Himmel gezogen wird, um im nächsten Augenblick Richtung Erde zu stürzen (was für eine Metapher 😀 ). Wir sprechen darüber und Patricia kann mir zum Glück ein wenig die Angst nehmen. Was haben wir nicht schon alles in den über 11 Jahren zusammen durchgestanden. Das kriegen wir auch noch hin.

Dienstag, der 11.07.

Patricia: Diese nervöse Vorfreude hält bei mir noch etwa drei Tage an. Am Sonntag steht unser Nachbarschaftsgrillen im Hof an und ich hoffe, dass Marlena noch bis dahin wartet, weil wir ein Bild mit allen 6 Schwangeren im Haus machen wollen. Das Bild wollen wir dann mit den Babys nachstellen, wenn alle da sind. Und es klappt. Das Bild ist im Kasten, wir verbringen einen schönen Abend und alle staunen über den riesigen Bauch.

Wenn man das Gefühl hat, es geht jeden Moment los, dann achtet man auch stark auf die kleinen Anzeichen. Und man bekommt natürlich auch alle möglichen Anzeichen genannt. Bei Gewitter und schwülem Wetter soll es losgehen. Wenn der Hund einem nicht mehr von der Seite weicht, soll es losgehen. Gleichzeitig bekomme ich von einigen gesagt, dass es noch nicht losgehen kann. Weil ich noch zu gut, zu fit aussehe. Weil der Bauch noch zu weit oben sitzt. Vorsicht Spoiler: Mein Bauch hat sich bis zum Schluss nicht richtig abgesenkt.

Täglich fragen Familie, Freunde und Leser nach, wie es denn aussieht. Und ich werde von Tag zu Tag frustrierter. Ich habe keine Lust mehr irgendwas zu machen, keine Lust mehr zu warten, der Bauch ist verdammt anstrengend und ehrlich gesagt nervt mich die ganze Nachfragerei. Warum nur hat meine Frauenärztin diese Prognose gestellt und warum nur haben wir allen davon erzählt? Da ich irgendwie stark davon ausgehe, dass es nachts losgeht, gehe ich jeden Abend hoffnungsvoll ins Bett und wache jeden Morgen enttäuscht wieder auf. Na gut. Durchschlafen tue ich natürlich nicht mehr. Entweder ich muss aufs Klo, es ist zu heiß oder ich hab Übungswehen. Oder alles auf einmal. Von wegen „Genieß den Schlaf, bevor das Baby kommt!“ Pfff.

Samstag, der 15.07.

Patricia: Über eine Woche ist seit der Prognose der Frauenärztin vergangen und diese Woche kam uns vor wie ein Monat. Ich hatte furchtbare Stimmungsschwankungen und auch Stefan ist einmal kurz durchgedreht und hat Panik geschoben, wie wir das alles in Zukunft stemmen sollen. Doch in der Nacht zu heute habe ich zum ersten Mal wieder durchgeschlafen und langsam merke ich, dass sich eine LMAA-Einstellung anbahnt. Und ich sehne mich so danach. Denn ich konnte mich selbst in den letzten Tagen sehr schwer aushalten. Die letzten Monate habe ich viel und sehr strukturiert gearbeitet, täglich meistens voller Elan und Freude meine To-Do-Listen abgehakt und unheimlich viel geschafft. Noch vor zwei Wochen hatte ich eine kleine Panikattacke, weil ich Angst hatte, nicht alles Wichtige vor der Geburt erledigen zu können. Darüber kann ich jetzt nur noch lachen.

In der letzten Woche habe ich nur sehr wenige Punkte von meiner To-Do-Liste abgehakt. Ich hatte einfach zu nichts Lust. Nicht einmal darauf zu lesen, Serien zu schauen oder mich mit Freunden zu treffen. Ich wollte nur noch, dass diese ätzende Warterei endlich vorbei ist. Gestern habe ich dann beschlossen, dass Marlena am 17. kommen wird. An unserem ursprünglichen Wunschdatum. Am 17.07.2017. Und deshalb bin ich jetzt ganz entspannt. Und habe wieder angefangen, meine To-Do-Liste abzuhaken, die jetzt immer kürzer wird.

Stefan: Da sind wir immer noch: Patricia, der Bauch und ich. Mehr als eine Woche ist vorüber, als es hieß, dass es jetzt losgehen kann. Mein Panikmoment ist jetzt auch schon 7 Tage her und ich bin bereit! Also los jetzt! Die Warterei nervt langsam, zumal es ja auch nicht besser macht, dass jede Whatsapp-Nachricht die Fragen: „Und wie sieht es aus?“ und „Das Warten ist schrecklich, oder?“, beinhaltet. Ab einem gewissen Punkt sind meine Antworten nur noch „Nein“ und „Jupp“. Ich versuche mich durch die Arbeit abzulenken, doch kann auch wirklich nicht mehr viele Kundentermine fix machen. Ich möchte ja dann nicht allen absagen müssen. Und daher kreist das Thema „Geburt“ zu jeder Sekunde in meinem Kopf umher.

Montag, der 24.07.

Patricia: Die Frustration ist zurück. Deutlicher als je zuvor. Denn nun sind wir über dem errechneten Geburtstermin und langsam wird es eng. Dass es mit dem 17.07. nichts geworden ist, konnte ich verkraften. Dass Marlena kein Krebs mehr wird, ebenso. Aber dass ich hier immer noch mit diesem Monsterbauch sitze und „Die Sims“ spiele, was ich seit Jahren nicht mehr getan habe, und meine Sims-Figur jetzt bereits vor mir ihr Baby bekommen hat, obwohl sie erst gestern schwanger wurde, ist die Höhe.

Am Mittwoch waren wir wieder bei meiner Frauenärztin in Berlin und sie hat nicht schlecht geguckt, als ich vor ihr stand. Erstaunt und auch ein wenig mitleidig. Nun müssen wir alle drei Tage ins Krankenhaus zum CTG und zur Untersuchung. Noch sind sie dort recht entspannt. Meine Werte sind super. Die erste Untersuchung dort war so schön, dass ich am liebsten gleich dort geblieben wäre. Erstens, weil wir uns total nett mit der Hebamme Luisa unterhalten haben, die gerade Dienst hatte, und zweitens, weil es dort soooo schön kühl war nach der heißen Sommernacht.

Das Gute ist: Die Fragerei, ob es denn schon so weit war, wird weniger. Auch das Umfeld resigniert langsam. Und ich beharre darauf, keine einleitenden Maßnahmen vorzunehmen. Marlena soll selbst entscheiden können, wann sie kommt.

Sonntag, der 30.07.

Patricia: Ich bin fix und fertig. Ja, auch wegen des Bauchs, aber vor allem wegen des Termins im Krankenhaus. Bei der Untersuchung waren wieder alle Werte super. Kein Grund zur Besorgnis. Trotzdem wollte die Ärztin am Dienstag einleiten und bestellte mich zu 8 Uhr morgens. Panik. Ich will das nicht. Es fühlt sich einfach falsch an. Als Stefan und ich anschließend beim CTG das erste Mal wieder allein sind, breche ich in Tränen aus. Wir fragen die diensthabende Hebamme, wie sie die Situation einschätzt und sie versichert uns, dass die Entscheidung immer zuletzt bei uns liegt und dass die Werte wirklich gut sind. Ich könne mich am Dienstag untersuchen lassen und dann eine Entscheidung treffen. Das beruhigt mich. Trotzdem weiß ich, dass wir die Einleitung nicht ewig hinauszögern können. Es wird Zeit, doch mal ein wenig nachzuhelfen, Marlena ein bisschen anzustupsen. Zurück zu Hause lege ich mich hin und mache die „Babytalk“-Hypnose aus meinem Hypnobirthing-Buch, während Stefan recherchiert und einen Plan macht…

Stefan: Nach der ersten Ernüchterung im Krankenhaus bin ich bereit, die Geburt auf natürlichem Weg einzuleiten. Da wird irgendein Datum vor etlichen Monaten geschätzt und obwohl alles in Ordnung ist und es keine Anzeichen für eine Gefahr bei Mutter oder Kind gibt, will man genau 10 Tage nach diesem geschätzten Termin die Geburt einleiten. Also auf medizinischem Wege die Natur unnötig beeinflussen. Nicht mit uns, sage ich mir. Während Patricia sich hingelegt hat, beauftrage ich meinen Freund Google mal in diesem Internet Ausschau nach natürlichen Helfern für die Geburtseinleitung zu halten. Er findet 14 Möglichkeiten, ich entscheide mich für 7 davon. Und Patricia weiß gar nicht, wie ihr bald geschieht B-) …

Noch mehr kaiserliche Posts

Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on PinterestShare on Google+Email this to someonePrint this page

Kommentare

  • Tine

    Ein sehr spannender und teilweise auch amüsanter (bei dem Absatz mit den Sims musste ich laut lachen) 1. Teil.
    Jetzt freue ich mich schon auf den nächsten Teil!

  • Nadine

    Hallo ihr beiden,
    ich habe mich wieder sehr über diesen Artikel gefreut! Wie immer wunderbar geschrieben und man fiebert schon jetzt mit : )
    Wie schön, dass ihr euch trotz Neugeborenem die Zeit nehmt uns an dieser Erfahrung teilhaben zulassen!
    Alles liebe Nadine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.